{"id":694,"date":"2014-01-19T09:17:12","date_gmt":"2014-01-19T07:17:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.weppelmann.de\/?p=694"},"modified":"2014-01-19T09:34:47","modified_gmt":"2014-01-19T07:34:47","slug":"archiv-2003-die-angst-vor-dem-tod-die-angst-vor-dem-sterben-prof-dr-reiner-soerries","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.weppelmann.de\/?p=694","title":{"rendered":"Archiv 2003: &#8222;Die Angst vor dem Tod &#8211; die Angst vor dem Sterben&#8220; Prof. Dr. Reiner S\u00f6rries"},"content":{"rendered":"<div class=\"pf-content\"><p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.weppelmann.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/selbst_9_Gr\u00f6\u00dfenver\u00e4nderung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-687\" alt=\"selbst_9_Gr\u00f6\u00dfenver\u00e4nderung\" src=\"http:\/\/www.weppelmann.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/selbst_9_Gr\u00f6\u00dfenver\u00e4nderung-300x211.jpg\" width=\"300\" height=\"211\" srcset=\"http:\/\/www.weppelmann.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/selbst_9_Gr\u00f6\u00dfenver\u00e4nderung-300x211.jpg 300w, http:\/\/www.weppelmann.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/selbst_9_Gr\u00f6\u00dfenver\u00e4nderung.jpg 502w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.weppelmann.de\/?p=671\"><strong>&#8222;ich verl\u00e4sst ich \u2013 Bilder vom Leben und Sterben\u201c<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center;\">50 Schwarz-Wei\u00df-Fotografien von Wilm Weppelmann<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center;\">in der Akademie Franz Hitze Haus M\u00fcnster vom 8.1.2003 \u2013 28.2.2003<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center;\"><strong>Dokumentation:<\/strong> Ausstellungskatalog &#8222;ich verl\u00e4sst ich &#8211; Bilder vom Leben und Sterben&#8220; mit Begleittexten von Prof. Dr. Dr. Sternberg und Prof. Dr. Reiner S\u00f6rries &#8211; Verlag Akademie Franz Hitze Haus 2003 ISBN 3-930322-45-5<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center;\"><strong>Die Angst vor dem Tod &#8211; die Angst vor dem Sterben<\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center;\"><strong>Ein Paradigmenwechsel <\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center;\"><strong>Prof. Dr. Reiner S\u00f6rries\/ Kassel<\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die Welt ist anders geworden. Nicht erst jetzt, sondern schon seit geraumer Zeit vollzieht sich mehr oder weniger unbemerkt ein Wandel des Weltbildes, und mit ihm ver\u00e4ndert sich unser Bild vom Tod. Es ist noch nicht lange her, da besa\u00df der Tod seine Schrecken in dem, was danach kommt. Umf\u00e4ngliche Vorkehrungen traf der Mensch, um Vorsorge f\u00fcr sein Seelenheil zu treffen, ein Ma\u00dfnahmenb\u00fcndel, das wir Seelger\u00e4t nennen. F\u00fcr die Zeit nach dem eigenen Tod wusste man von Menschen und Institutionen, die eine Seelenmesse oder ein Vaterunser oder einen Spritzer Weihwasser f\u00fcr die Arme Seele im Fegefeuer spenden w\u00fcrden. Oder man hatte diese sepulkrale Nachsorge durch Spenden und Stiftungen zu Lebzeiten gesichert.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die Aufkl\u00e4rung r\u00e4umte damit auf. Wissenschaftlich betrachtet gab es weder Fegefeuer noch H\u00f6lle, vermutlich auch keinen Himmel. Auch die empirische Erfahrung sprach dagegen. Doch statt mit der Angst vor dem Tod aufzur\u00e4umen, sch\u00fcrte der neue Geist die wissenschaftlich begr\u00fcndete Furcht vor dem Scheintod. Ihm zu wehren, ersann man auch ein geeignetes Gegenmittel, die Leichenh\u00e4user zur Aufbewahrung des Leichnams bis zur Bestattung, und\u00a0w\u00e4hrend dieser Zeit wachte der Leichenw\u00e4rter, sein Ohr am Ende eines ausgekl\u00fcgelten Wekkapparates, der die leiseste Bewegung des Scheintoten mit Gebimmel und Gerassel un\u00fcberh\u00f6rbar gemeldet h\u00e4tte. Die moderne Medizin und die Verl\u00e4sslichkeit der Leichenschau haben der Angst vor dem Lebendigbegraben- werden auch ein Ende gesetzt. Doch war auch damit nicht nur ein befreites Aufatmen verbunden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die Annahme, nun endlich h\u00e4tte der Mensch ohne Todesfurcht die Hinwendung zum sorgenfreien Leben vollzogen, erwies sich erneut als tr\u00fcgerisch. Das moderne Leben h\u00e4lt viele Gefahren bereit, die uns zu Lebzeiten ein qualvolles, leidvolles Siechtum bereiten k\u00f6nnen. Wie lebenswert erscheint uns ein Leben im Rollstuhl, an \u00fcberlebensnotwendigen Apparaten, angewiesen an permanente Betreuung &#8211; und Bevormundung? Wieder hat an der neuerlichen Sterbensangst die Medizin ihren Anteil. Sie bek\u00e4mpft immer erfolgreicher Krankheiten, die ehedem rasch zum Tode f\u00fchrten. Aber sie schr\u00e4nkt m\u00f6glicherweise auch die Selbstbestimmtheit unseres Lebens immer st\u00e4rker ein. Die Angst vor dem danach ist einer Furcht vor dem davor gewichen. Wie und wo werde ich sterben? Ist eine viele Menschen bewegende Frage.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Nachdem man lange versucht hat, die Faktizit\u00e4t des Todes zu verschweigen, g\u00e4rt ein gesellschaftlicher Diskurs \u00fcber ein Sterben in W\u00fcrde. Die Frage der Selbstbestimmtheit bis zuletzt bewegt uns bis zur aufkeimenden Frage, inwieweit wir selbst in diesen Prozess eingreifen d\u00fcrfen. Doch ich wage die Prognose, dass eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe die Todesfurcht nicht nehmen, sondern lediglich erneut verlagern w\u00fcrde, vielleicht dahin, wer die Entscheidung \u00fcber meinen Tod mit mir teilt, oder sie mir sogar abnimmt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Mitten hinein in diesen Paradigmenwechsel zielen die fotografischen Arbeiten von Wilm Weppelmann. \u201cHier m\u00f6chte ich sterben\u201d schildert jenen Wunsch, das f\u00fcr uns fremde, unvertraute und einmalige Geschehen des Sterbens in vertrauter, von uns geliebter Umgebung erleben zu d\u00fcrfen, sei es im Arbeitszimmer, sei es in der geliebten Ecke unseres geliebten Heimes, sei es in der freien Natur an unserem Lieblingsplatz. Selbstzeugnis und Bild der Interviewten lassen diesen letzten menschlichen Wunsch anschaubar werden. Die Bilder suchen nach Geborgenheit und schaffen Vertrauen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Wissend, dass das ein Wunsch ist, und eingedenk der Tatsache, dass selbst bei Erf\u00fcllung dieses Wunsches unser Ich zu verl\u00f6schen droht, bleibt die Sorge vor dem Verlust der Identit\u00e4t. Wir m\u00f6chten bleiben, aber Ich verl\u00e4sst ich, so lautet das zweite Thema der Weppelmannschen Sequenzen. &#8222;Ich konnte nicht mehr zu mir kommen&#8220; ist aber mehr als Todesangst, es ist die Sorge, die uns schon zu Lebzeiten umtreibt, selbst wenn sie nicht krankhaft in die Behandlung eines Psychiaters f\u00fchrt. Gibt es kein danach mehr, so steigen die Anforderungen an das Leben und des Lebens an uns. Wir geraten in den Leistungsdruck der Selbstfindung und Lebenserf\u00fcllung und bef\u00fcrchten, unser Ich hat uns schon verlassen. Wie sollte nicht der Schrecken der Nacht, der pavor nocturnus, unser Leben und unser Sterben \u00fcberschatten? So bezeugt die dritte Serie von Weppelmann das Bleiben der Furcht vor dem Tod auch in aufgekl\u00e4rten, postmodernen Zeiten.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Und es w\u00e4re vermessen, w\u00fcnschen oder hoffen zu wollen, der Tod w\u00fcrde seine Schrecken verlieren, irgendwann und irgendwie, wenn wir nur&#8230; , ja was? Im gesellschaftlichen Diskurs wird oft die Antwort gegeben, der Tod k\u00f6nnte dann seine Schrecken verlieren, wenn wir ihn nur als einen Teil des Lebens begreifen wollten. Die Hoffnung ist nicht unethisch, aber sie ist zumindest unbiblisch, unchristlich. Tod, so wei\u00df das Alte Testament, bedeutet Ferne von Gott, denn Gott ist ein Gott der Lebenden. Im Neuen 13 Testament bleibt der Tod der Feind des Lebens. Christus bezieht ihn nicht in das Leben ein, sondern er \u00fcberwindet ihn. Und Christsein hei\u00dft nicht, den Karfreitag zu akzeptieren, sondern auf Ostern zu hoffen. Und dies hat Auswirkungen auf das Leben, unser eigenes und das der anderen. Die Charta der Menschenrechte, die Pr\u00e4ambel der Weltgesundheitsorganisation, unser Grundgesetz formulieren das RECHT AUF LEBEN in Freiheit und in sozialer und medizinischer Gesundheit. Daf\u00fcr einzutreten ist die einzige Konsequenz aus der unab\u00e4nderlichen Gewissheit des Todes.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Wilm Weppelmanns Bilder vom Leben und Sterben stellen diesen Zusammenhang wieder her. Sie verschweigen unsere Sorgen und W\u00fcnsche angesichts des eigenen Sterbens nicht, machen sie plausibel und real, und gleichzeitig lassen sie uns Kraft sch\u00f6pfen, um f\u00fcr das Leben einzutreten. Damit unser Ich bei uns bleibt, ehe es sich im Sterben von uns trennt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center;\"><strong>Prof. Dr. Reiner S\u00f6rries \/ Direktor des Museums f\u00fcr Sepulkralkultur Kassel 2003<\/strong><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;ich verl\u00e4sst ich \u2013 Bilder vom Leben und Sterben\u201c 50 Schwarz-Wei\u00df-Fotografien von Wilm Weppelmann in der Akademie Franz Hitze Haus<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":687,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,5,6,30],"tags":[10,20,21],"class_list":["post-694","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-fotografie","category-kunst","category-ausstellung","tag-ausstellung","tag-sterben","tag-tod"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=694"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/694\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":699,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/694\/revisions\/699"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/687"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}