{"id":747,"date":"2014-01-21T12:02:13","date_gmt":"2014-01-21T10:02:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.weppelmann.de\/?p=747"},"modified":"2014-01-21T12:26:27","modified_gmt":"2014-01-21T10:26:27","slug":"archiv-2004-wilm-weppelmann-einfuehrung-ausstellung-sterben-kommt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.weppelmann.de\/?p=747","title":{"rendered":"Archiv  2004: Wilm Weppelmann &#8222;Einf\u00fchrung &#8211; Ausstellung &#8222;sterben kommt&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"pf-content\"><p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.weppelmann.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Bild-028_Gr\u00f6\u00dfenver\u00e4nderung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-729\" alt=\"Bild 028_Gr\u00f6\u00dfenver\u00e4nderung\" src=\"http:\/\/www.weppelmann.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Bild-028_Gr\u00f6\u00dfenver\u00e4nderung.jpg\" width=\"211\" height=\"141\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Katalogbeitrag zur Ausstellung\u00a0 &#8222;<strong>sterben kommt.\u00a0 <\/strong>szene_Wilm Weppelmann&#8220;\u00a0 <strong>24.4.2004 bis 19.9.2004\u00a0<\/strong> im<a href=\"http:\/\/www.sepulkralmuseum.de\/\"> Museum f\u00fcr Sepulkralkultur Kassel<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wilm Weppelmann &#8211;\u00a0 Einf\u00fchrung in die Ausstellung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>&#8220; Oder die Kunst in sich zu wohnen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Es ist, als m\u00fcssten wir schon bekannte Dinge und Orte wiedererkennen, indem wir ihnen immer wieder imagin\u00e4re Verkleidungen abnehmen. Carmelo Samon\u00e0 &#8222;Br\u00fcder&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Alles ist so selbstverst\u00e4ndlich, denn unsere T\u00e4glichkeit ist gut organisiert. Die Programmzeitung liegt oben auf dem Fernseher, die Milch steht ganz au\u00dfen im Getr\u00e4nkefach, der Parkplatz ist reserviert und wir verlassen gegen 8 Uhr das Haus, die Nachbarn wechseln selten, die Kollegen gehen mit in die Kantine. Das Leben ist uns vertraut. Wir wissen, wo wir hingeh\u00f6ren und wer wir sind. So k\u00f6nnten wir st\u00f6rungsfrei und beruhigt unserem Leben nachgehen, Tag f\u00fcr Tag, Woche f\u00fcr Woche, Monat f\u00fcr Monat. Aber wir sp\u00fcren den zunehmenden Schatten von Ver\u00e4nderungen, der sich mit den Jahren in unseren K\u00f6rpern breit macht.<\/p>\n<p>Um diesen br\u00fcchigen Stellen in unserem Leben aus dem Wege zu gehen, entwickeln wir eine durchtriebene Meisterschaft. Wir \u00fcben den Tunnelblick, das Ausblenden, die Einseitigkeit, die Verstellung, die Weichsp\u00fclung, die Sch\u00f6nf\u00e4rberei, die L\u00fcge, die Kosmetik, die Selbstverleugnung, die Ausflucht, die Schuldzuweisung, die Vernebelung, die Ausrede und die Delegation, nur damit wir nicht sehen, was zu uns geh\u00f6rt. Es w\u00e4re ja zu sch\u00f6n, den Dieb, der sich an unserem Leben zu schaffen macht, in sicheres Gewahrsam zu nehmen, aber die b\u00f6se Wirklichkeit lauert \u00fcberall.<\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe werden wir von Verboten und Geboten in eine \u00fcberlebensf\u00e4hige Bahn gef\u00fchrt, denn mit nur einem kleinen Schritt aus der Reihe w\u00e4ren wir auf der anderen Seite. Auch im R\u00fcckzugsfeld des eigenen Heims hat sich das Thema h\u00e4uslich eingerichtet, wir nehmen unsere Verg\u00e4nglichkeit in l\u00e4stiger Verbundenheit mit.<\/p>\n<p>Zwar meinen wir mit dem Haus die Welt getrennt zu haben: wir da drinnen, ihr da drau\u00dfen, Eigenes und Fremdes, Intimit\u00e4t und \u00d6ffentlichkeit, Ordnung und Chaos, gut und b\u00f6se, Sicherheit und Gefahr, N\u00e4he und Abstand, Wohlbefinden und Missbehagen, Vertrauen und Misstrauen, W\u00e4rme und K\u00e4lte, Plan und Schicksal, Liebe und Gleichg\u00fcltigkeit, Freizeit und Arbeit, Freund und Feind, 11 Oder die Kunst in sich zu wohnen Verst\u00e4ndnis und Missverst\u00e4ndnis, Leben und Tod. Die Schattenseite der Welt m\u00f6chten wir da drau\u00dfen lassen, aber sie findet trotzdem einen Weg in die Idylle. Die Illusion der h\u00e4uslichen Burg l\u00e4sst sich selten aufrechterhalten, denn die Bedrohung und das Fremde wachsen von innen. So garantiert die \u00e4u\u00dfere Fassung keine paradiesische Sicherheitszone<\/p>\n<p>Mit einem Schl\u00fcssel bekommen wir Macht. Wir k\u00f6nnen die Dinge \u00f6ffnen und verschlie\u00dfen je nach Belieben, nur noch die richtige Haust\u00fcr muss es sein. Die entscheidende Antwort kommt immer durch die Hintert\u00fcr. Die Diele \u00fcbernimmt die Vorsortierung und den Empfang. Und dann einen Blick in den Spiegel und wir sehen die Jahre dahinfliegen. Der Garderobenst\u00e4nder muss die schwere Last der H\u00e4utungen tragen: alles was wir vom Leben angenommen haben, m\u00fcssen wir auch dort wieder ablegen und Geschenke gab es im \u00dcberfluss.<\/p>\n<p>Im Wohnzimmer bringt das Zappen mit der Fernbedienung keine richtige rosarote Entspannung, sondern eher Verzweiflung. Schauspieler sind ge\u00fcbte Vielsterber, zeigen schon mal wie es geht und nehmen ihre Stellvertreterrolle sehr ernst.<\/p>\n<p>Aber zum Trost &#8211; in der K\u00fcche wird nicht mehr gehungert und verhungert. Das Leben ist voll und kann nie leer sein, der K\u00fchlschrank verdr\u00e4ngt den Zerfall. Brot ist immer da. Die Nachschublinien f\u00fcr den \u00dcberlebenswillen arbeiten reibungslos &#8211; frei Haus, in portionsgerechter Verpackung. Wir k\u00f6nnten uns nur Gutes g\u00f6nnen\u2026 dass wir den Lebensspa\u00df ein wenig mit Zigaretten vers\u00fc\u00dfen und auch verk\u00fcrzen, ist da doch nur eine Randnotiz oder?<\/p>\n<p>Und bei den Kindern ist die Welt noch in Ordnung, in einer besonderen Ordnung: Sie m\u00fcssen sich im Dschungel virtueller Kampfwelten behaupten und ihre Gameboyfertigkeiten st\u00e4hlen, damit die letzte Bilanz auf dem Scorescreen stimmt. Mit Leben vernichten hat das nichts zu tun, denn dar\u00fcber spricht man nicht, es ist ja nur ein Spiel. Doch manchmal dringt ein ganz tiefer Schmerz zu den Kindern, der sich weit \u00fcber die ersten Jahre hinausdehnt; es k\u00f6nnen ein totes Haustier oder die gestorbenen Gro\u00dfeltern sein, aber auch hier\u00fcber spricht man nicht &#8211; die Vereinsamung beginnt.<\/p>\n<p>Das Schlafzimmer beh\u00e4lt heute seine Frische, denn wir sterben sicher verwahrt woanders, nur der Arzt und Fachmann wei\u00df, wann es soweit ist, und wie damit umzugehen ist. Der letzte Ort geh\u00f6rt nicht mehr zu uns, und nur die Tr\u00e4ume zeigen einen anderen Weg, eine andere Verantwortlichkeit f\u00fcr das Leben.<\/p>\n<p>Aus der Vogelperspektive relativiert sich alles. Vom Balkon erscheinen alle Probleme klein, weit entfernt und verschwinden hinterm dem Horizont. Wenn wir die Details aus dieser Perspektive heranholen, wird \u00dcbersehenes, Bekanntes, Einfaches und Gew\u00f6hnliches ganz merkw\u00fcrdig und neu. Die Dinge sortieren sich \u00fcberschaubarer. Sie lassen eine distanziertere Ann\u00e4herung zu, und man kann sich bei Gefahr schnell wieder in sein Schneckenhaus zur\u00fcckziehen. Nur in diesem Schneckenhaus wartet wieder das Ungemach, die letzte Verschw\u00f6rung. Egal, wo man sich dreht und wendet, der Lebenspuls ist immer hart am Wind.<\/p>\n<p>Aber wir haben ja noch den Abort, eine Kulturleistung mit umgreifender Entsorgungsmentalit\u00e4t f\u00fcr Sch\u00e4bigkeiten. Prinzip: Aus dem Auge aus dem Sinn. Und die letzten Schritte werden schnell in diese Sachgruppe abgeschoben; denn warum sollte man die Lebenden noch mit auslebenden Resten belasten? Kalt, bleiben wir zur\u00fcck&#8230;<\/p>\n<p>Wilm Weppelmann 2004<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katalogbeitrag zur Ausstellung\u00a0 &#8222;sterben kommt.\u00a0 szene_Wilm Weppelmann&#8220;\u00a0 24.4.2004 bis 19.9.2004\u00a0 im Museum f\u00fcr Sepulkralkultur Kassel Wilm Weppelmann &#8211;\u00a0 Einf\u00fchrung in<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":754,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30,1,6],"tags":[],"class_list":["post-747","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausstellung","category-allgemein","category-kunst"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=747"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":751,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/747\/revisions\/751"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/754"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.weppelmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}