Zeichnung Michael bearbeitet

„Porträt Wilm Weppelmann“ von Michael Ditteney (Freiburg)

Art is important impossible # wilm weppelmann  artist

short facts ~ Wilm Weppelmann wurde 1957 in Lüdinghausen geboren  als Sohn einer westfälischen Handwerksfamilie, aufgewachsen ist er in dem kleinen Dorf Ottmarsbocholt. Nach den üblichen Schulstufen studierte er in Münster Germanistik, Publizistik und Philosophie. Seine berufliche Laufbahn im Kultursektor begann als Dramaturgie-Assistent am Zimmertheater in Münster (heute: Wolfgang-Borchert-Theater). Später entwickelte er im Management von verschiedenen mittelständischen Verlagshäusern ( u.a. Harenberg Verlag Dortmund) eine besondere Affinität zum Medium Buch. 2001 ließ er den kommerziellen Buchmarkt  hinter sich und öffnete sich  als freischaffender Künstler und Autor neuen Themen und Arbeitsweisen mit den Schwerpunkten Konzeptkunst und Fotografie. Seit 2005 nimmt die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Garten einen wachsenden Raum ein.

Weitere Informationen auf: Wikipedia.org

Einzelausstellungen: Stadtmuseum Münster, Museum für Sepulkralkultur/Kassel u.a. – Projekte: Freie Gartenakademie # The Adventures of Rob Cabbage # Der erste Winterschlaf von Wilm Weppelmann # The Hunger Garden # gardenstreet.de # u.a.

weiterführende Links:  Wilm Weppelmann Webseite # Der Künstler und die Stadt Münster  # Welt am Sonntag Artikel #  Nabu regional InterviewYoutube Videos

18 Finissage

Finissage Wilm Weppelmann – Performance zum Abschluss des Projekts “The Hunger Garden II” 2012 – Fotografie: Bernhard Kils – alle Rechte vorbehalten

Wilm Weppelmann – ein Interview mit Jodie Shapiro

aufgezeichnet  in Leeuwarden / NL

In Front of the Fries Museum

.. on an evening in front of the Fries Museum / Leeuwarden NL – photography: Jeff van Gysel

| Auf der Basis einer sehr breit angelegten Biographie folgt nun in eine sehr spannungsreiche künstlerische Entwicklung. Wo ergaben sich dafür die ersten Impulse?

Der Anfang war zugleich ein Ende: Ein leeres Spiel, die Routine hatte sich ausgelebt und die Brüchigkeit der alltäglichen Rituale war mehr als überdeutlich. Nach dem Finish einer Verlagskarriere war ich dem Nichts sehr nahe, denn die alten Lebensrezepte gingen nicht mehr auf. Ich musste ganz neu meinen Blick öffnen und dazu die Perspektive Wirklichkeit aus dem Schatten von Voreingenommenheiten und Selbstverständlichkeiten herausfallen lassen. Ja versuchen – ohne Übertreibung – immer nackter das Leben untersuchen,  um wieder aufzuwachen. Die Mittel dazu hatte ich zur Hand: Fotografie und Wortwerk waren die medialen Werkzeuge für diesen Weg  und verbanden sich dazu in sehr unterschiedlichen Projekten, eigentlich richtiggehende Abenteuer. In Experimenten, Skripten, Auftragsarbeiten und Veröffentlichungen hatte ich auch schon in der Vergangenheit einiges an professioneller Vorarbeit geleistet, um mich jetzt einigermaßen beruhigt ganz dieser aufregenden Lebensroute überlassen zu können.

| Beruhigt? Ist das überhaupt möglich?

Nein, eigentlich nicht, denn wenn hinter diesem Prozess nicht die Gewalt der Epilepsie, das Delirium, die Tollheit, der Schwachsinn ohne Wiederkehr lauern würde, dann wüsste ich, dass der Grenzgang nur Existenzkitsch mit Versicherung darstellen würde, das wäre unerträglich. Aber das Loslassen ist lange nicht abgeschlossen, ich hafte noch mit einer Art melancholischen Angst.

| Welchen Themen folgen Sie?

Der Verzweiflung, dem Menschen, der Absurdität, der Krankheit, dem Stein, der Hoffnung, dem Letzten, der Poesie, dem Schmerz, der Sehnsucht des Körpers, dem Unaussprechlichem, dem Lächerlichen, dem Wind … aber würde ich letztendlich erkennen wann wirklich wahr wahr ist? vielleicht doch … so wäre die Suche nicht von vornherein vergebens …

2011 Die Gesichter des Photographen Plakat klein

Ausstellungsplakat „Die Gesichter des Photographen“ 2011

| Wie entwickeln Sie Ihre Projekte?

Das lässt sich sehr kurz und schnell zusammenfassen: At first everything is out of control, then I´m the object of the subject, then I live with and out forms, afterwards I feel the solution and strategy, then I build it up …

| Welche Techniken bevorzugen Sie?

Ich komme immer mehr dazu komplexe Inszenierungen, Installationen als Lösungsansatz anzubieten/umzusetzen und hier gibt es in der Verwendung von Materialien und Zeichensystemen keine Grenzen. Die Fotografie ist da nur ein Element, aber ein sehr wesentliches, das in einigen Bezugspunkten auch autonom funktioniert und agiert.

| In Ihrer fotografischen Arbeit  sammeln  sich an der Oberfläche eines scheinbar formalen Konservatismus tief treibende Widerhaken  ..

Alle Effekte sind schon verspielt, entwertet, benutzt, vermarktet, übertroffen .. der Kern ist in der Photoshop-Malkiste nicht mitgewachsen, er bleibt häufig rasterhaft unwesentlich ausgeliefert fern in einer selbstbefriedigenden wuchernden Digitalfassade, deshalb liebe ich besonders Schwarz-Weiß, hiermit kann ich eher zum Zentrum vordringen und einen ruhigen Punkt finden, auch wenn Sie es konservativ nennen, ich würde den Begriff effektiv vorziehen  …

| Haben Sie sich festgelegt?

Nein, festgelegt ist Quatsch. Ich bin nicht auf dem Weg an einem künstlerischen Markencharakter zu feilen. Nur SW oder nur so, oder nur anders,  interessiert mich nicht .. sondern Thema, Leidenschaft und Experiment wird mich immer wieder neu aus- und anziehen und jedes Projekt ist der Versuch zu einem neuen Anfang zu finden und möglichst das davor zu vergessen, richtig zu vergessen …  deshalb wehre ich mich auch gegen jede biographische Vereinnahmung und Schublade, wofür Ausstellungslisten und persönliche Daten rausgeben? – nur langweiliger Unsinn …

| Bisher bewegten Sie sich am provinziellen Rand …

Die Lästigkeit und so saubere selbstzufriedene Eitelkeit meines Lebensmittelpunkts war eher Katalysator als eine bürgerliche Zwangsjacke,  die organisierte Gewöhnlichkeit stimulierte  inneren Widerstand, und jetzt verlassen meine Themen und Ausstellungen immer mehr die Berechenbarkeit und auch diese ehrenwerte nette Stadt ..

| Liegt im Wort Gewöhnlichkeit nicht ein gehöriges Stück Arroganz …

Ihr Provinzschema liegt nicht weit davon entfernt. Kein Mensch aus dem Mehr ist weniger oder mehr, als ich je sein könnte. Ich brauche den Widerstand, die Auseinandersetzung mit dem konkreten Menschen und die Erfahrung seiner Wesenheit für meine Arbeit. Hier nehme ich jeden wahr und nicht nur für das Ab-Bild, ich hoffe ohne die Selbstherrlichkeit von Arroganz.  Ja, ich habe eine unstillbare Neugier nach den Menschen.

| Ist es so etwas wie Liebe?

Eine unwirkliche sehr einsame Liebe, die Arbeit führt näher und zugleich weiter weg, sehr seltsam und verhängnisvoll, wie alles in diesem Leben.

| Vielen Dank für das Gespräch.