Im Rahmen der Ausstellung „ich verlässt ich – Fotografien von Wilm Weppelmann“ in der KUNST-RAUM-AKADEMIE Stuttgart  vom 24. Januar bis 17. April 2005 wurde auch die Konzeptarbeit „Stuttgart und die letzte Frage“ entwickelt und vorgestellt

Dokumentation: Sendung Radio 7 Stuttgart vom 25.3.2005

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Zeitungsartikel von Ariane Wölpper in der Stuttgarter Zeitung vom 13.1.2005:

Stuttgart und die letzte Frage – vor dem Tod

Der Münsteraner Künstler Wilm Weppelmann will mit· einem Projekt Menschen aus ihrem Alltagstrott herausholen

Eben noch im Supermarkt und dann im Jenseit – gedanklich zumindest. Mit dem Satz „wenn Sie in den nächsten Minuten sterben würden, welche Frage möchten Sie dann noch beantwortet haben?“ versucht der Künstler Wilm Weppelmann zum Nachdenken zu bringen.

„Stellen Sie hier Ihre letzte Frage“ steht auf dem Pulli von Wilm Weppelmann – so nebensächlich wie bei anderen Menschen „Bier formte diesen wundervollen Körper“ oder das Geburtsjahr als Aufschrift das T-Shirt ziert. Nur ist der Aufdruck bei Weppelmann überhaupt keine Nebensache. Er ist ausdrücklicher Hinweis auf den Hauptbestandteil seiner Arbeit und alles andere als ein Scherz. Das haben auch die Stuttgarter dieser Tage zu spüren bekommen.

Mit dem Spruch „Haben Sie eine letzte Frage?“ hat der Münsteraner Künstler Menschen in der Bibliothek. an der Universität, in der U-Bahn und auf der Königstraße unvermittelt überfallen. Ein erstes erstauntes Auflachen sei meistens sehr schnell einer ernsten Miene gewichen, erzählt Weppelmann. Und dann bescheinigt er den Stutegartern gleich noch Eigenschaften, die auch überraschen können: nämlich Offenheit und Gesprächsbereitschaft .. Es kommt eben nur darauf an. wie man auf die Leute zugeht“, meint der Künstler.

Dabei gibt es wohl eine ganze Menge einfacherer Wege, auf Menschen zuzugehen, als sie in der Hektik des Alltags so mir nichts, dir nichts mit dem Tod zu konfrontieren: „Wenn Sie in den nächsten Minuten sterben würden. welche letzte Frage möchten Sie dann noch beantwortet haben?“ fragte Weppelmann gestern auch Ricardo Schlicht, der eben noch frohen Mutes vor dem Königsbau unterwegs war. Völlig überrumpelt und überrascht hält der junge Mann inne, die Gesichtszüge werden ernst: .. Verdammt, das ist ganz schön schwer“, sagt der 21 -Jährige grübelnd. SoiJe er vielleicht nach dem Sinn fragen? ,.Den weiß man aber entweder schon oder will es dann eh nicht mehr wissen“, urteilt Schlicht. Schließlich schreibt er „War ich ein guter Mensch?“ auf den Handzettel, den Weppelmann einsteckt.

„Stuttgart und die letzte Frage“ hat der Münsteraner sein Kunstprojekt betitelt, das Teil seiner Ausstellung „Ich verlässt ich“ in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart sein wird. Grenzthemen seien sein Steckenpferd, so Weppelmann. der von der Neugier nach dem Menschen hinter den Routinen des Alltags getrieben ist. Oberflächen durchbrechen und hinter die Fassaden schauen will er. ,.Es ist wichtiger. Fragen stellen zu können, als auf alles eine Antwort zu haben“, zitiert er den amerikanischen Schriftsteller James Thurber, um sein Vorhaben zu begründen .

.. Ein gutes Experiment“, findet Schlicht, man frage als junger Mensch ja eher, was morgen sein werde. Aber warum nicht auch mal we1ter denken? .,Mir kommt es so vor. als hätten die Menschen diese Frage bereits in sich aufgespeichert, ich rufe sie nur ab“, sagt Weppelmann. Die meisten jedenfalls wüssten sehr schnell eine letzte Frage. Auch Steffi Röhr lässt ihre Gedanken ohne mit der Wimper zu zucken und mitten auf der Königstraße in Jenseits schweifen. „Mir geht es zurzeit sehr gut und natürlich will man dann eigentlich nicht ans Sterben denken“, so die 34-jährige. „wenn´s jetzt aber so sein soll – kein Problem.“ Sie habe eigentlich sowieso nur eine Sorge: „Was wird mit Maxim?“ schreibt sie auf ihren Zettel. „Mein Sohn ist das Wichtigste in meinem Leben“, erzählt sie, deshalb gebe es für sie gar keine andere Frage. Und wieder steckt Weppelmann den Zettel ein. Nehmer ist er, nicht Geber.

Überhaupt weiß er am besten. was er nicht macht und was er nicht ist: „Ich klopfe hier keine Bibelsprüche, ich bin kein Dauerdepressiver, kein Sozialarbeiter, kein Pastor und kein Trostspender“. stellt er klar. Er werte die Fragen nicht und stelle sie auch nicht in Frage. Antworten gibt es von ihm auch keine. Nur Gespräche und Berührungen – im Sinne von Anstößen. „Denk mal darüber nach, was wichtig für dich ist“ lautet Weppelmanns Aufforderung – dass er damit auch Schmerzpunkte berührt, ist ihm bewusst. Die „kleinsten menschlichen Dinge“, die man nicht in Worte packen könne, seien es, die für ihn das Projekt ausmachen: was in Begegnungen passiere, wenn als letzte Frage zum Beispiel „Hat mich jemand geliebt?“ fällt oder wenn ein 70-Jähriger weinend fragt: .,Was wird aus meiner Frau?“

Letzte Fragen, die gerne gestellt werden

„Wenn Sie in den nächsten Minuten sterben würden, welche letzte Frage möchten Sie dann noch beantwortet haben“, fragte der Künstler Wilm Weppelmann Passanten in Stuttgart.

Zehn der rund 120 gesammelten letzten Fragen lauten:

>Was ist die letzte Antwort?

>Warum jetzt?

>Wo ist das Paradies?

>Was kommt jetzt wirklich?

>liebt meine Mutter mich wirklich?

>Wie entsteht Zeit?

>Was hält die Welt im Innersten zusammen?

> Ist unsere Richtung ohnehin vorgegeben?

> Habe ich einen Menschen auf dieser Welt wirklich glücklich gemacht?

>Was kann ich machen, wenn ich kein Licht am Ende des Tunnels sehe?

Alle 120 Fragen sind Teil der Ausstellung .. Ich verlässt ich – Bilder vom Leben und Sterben, Fotografien von Wilm Weppelmann“, die am Montag, 24. Januar. um 19.30 Uhr im Tageszentrum Hohenheim der Akademie der Diözese RottenburgStuttgart, Paracelsusstraße 91, eröffnet wird. Sie dauert bis zum 17. April und ist werktags von 9 bis 16 Uhr geöffnet – samstags undsonntags auf Anfrage.

Ariane Wölpper in der Stuttgarter Zeitung vom 13.1.2005

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